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Der Klosterhof

Die Einführung und Durchsetzung der Reformation in Verden hatte bis 1567 zur Auflösung des Konvents der Augustinerinnen geführt. Alle Nonnen verließen das Kloster bis zum Jahr 1574. Im Sommer 1592 erhielt der bischöfliche Kanzler und Rat Hermann Niger innerhalb des Klostergeländes einen Bauplatz als Schenkung von Bischof Philipp Sigismund. Dieser ließ eine Schenkungsurkunde aufsetzen, wonach Hermann Niger einen Bauplatz zwischen der Klosterkirche und dem Vorwerk übertragen wurde.


Auf dem geschenkten Bauplatz am östlichen Rand des Klosterhofes befanden sich noch zwei verfallene Häuser des ehemaligen Klosters, die Hermann Niger abreißen ließ. Auf deren Fundamente erbaute er ein repräsentatives Wohnhaus im Stil der Weserrenaissance. Es entstand ein zweistöckiges Gebäude, das aus Holzfachwerk errichtet und mit Backsteinen im Kreuzverband gemauert wurde. Zudem erhielt das Gebäude einen, die einzelnen Etagen verbindenden, Treppenturm. Der achteckige Turm, der ebenfalls mit Backsteinen gebaut sowie mit Sandsteinblöcken an allen vertikalen Kanten aufgemauert wurde, ist bis heute erhalten. Er ist ca. 19 Meter hoch und verfügt über eine aufgesetzte Turmstube mit Fenstern, die allerdings erst im 17. Jahrhundert ergänzt wurde. Die abschließende achteckige Dachpyramide bestand ursprünglich aus Zinkblech. Im Inneren hat sich eine Wendeltreppe aus Sandsteinstufen erhalten, die das Gebäude vom Dach- bis zum Kellergeschoss begehbar machte.


Dass Hermann Niger einen Treppenturm an das Gebäude anfügen ließ, war nicht nur den zeitgenössischen Anforderungen an die Architektur geschuldet, wonach die Etagen von Wohngebäuden vom Hof aus über Treppen bzw. Treppentürme begehbar gemacht wurden. Es war zudem auch Ausdruck der sozialen Stellung des bischöflichen Kanzlers und Rat. Treppentürme waren im 16. Jahrhundert vor allem an herrschaftlichen Häusern, etwa Schlössern, zu finden und dienten als Mittel der Repräsentation. So diente der Treppenturm im zeitgenössischen Architekturstil Hermann Niger dazu, sowohl seine berufliche Stellung als auch seine Stellung als bekannte Person des öffentlichen Lebens in Verden sichtbar darzustellen.

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Dem Bedürfnis sich als Person im Gebäude sichtbar darzustellen folgt auch der verzierte Kaminsims aus dem Wohnbereich, der im Original heute im Historischen Museum Domherrenhaus in Verden zu sehen ist. Getragen von zwei übergroßen Figuren – sog. Atlanten– präsentieren sich am Sims die persönlichen Wappen von Herrmann Niger und seiner Frau Eva Musaeus.


Obwohl Hermann Niger hohe Geldbeträge für den Bau dieses repräsentativen Gebäudes investierte, verkaufte er den Neubau bereits 1612 für 800 Reichsthaler an den Kanzler Jakob Ulrichs. Neben dem von Niger errichteten Wohnhaus erhielt Jakob Ulrichs von Bischof Philipp Sigismund im gleichen Jahr den gesamten alten Kirchenplatz als Schenkung. Die bis zu diesem Zeitpunkt dort noch vorhandene Klosterkirche wurde nun komplett abgerissen, um Platz auf dem Gelände zu schaffen. Die Familie Ulrichs bewohnte den sog. Klosterhof allerdings nicht selbst, sondern vermietete das Anwesen zuerst an den bischöflichen Rat Johann Sternberg und zwischen 1643 bis 1656 an den Bürger Heinrich Johann Münstermann.


Während des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) wurden das Wohnhaus und alle dazugehörigen Wirtschaftsgebäude 1629 kurzzeitig von katholischen Barfüßermönchen besetzt, die im Zuge der Kriegshandlungen in Nachhut der katholischen Truppen in den Norden des Alten Reiches kamen.


Im Jahr 1656 verkaufte Margarete Ulrichs, die Tochter von Jakob Ulrichs, die Gebäude inklusive Grundstück für 580 Reichsthaler an die Stadt Verden. Diese richtete dort die Dienstwohnung des städtischen Syndikus ein.  


Fortan wohnte im Klosterhof nicht nur einer der wichtigsten städtischen Bediensteten fußläufig zum Rathaus, sondern das Gebäude war für die nächsten Jahrhunderte eng mit diesem Amtsträger verbunden. Seit dieser Zeit trägt das Gebäude auch die bis heute genutzte, offizielle Bezeichnung „Syndikatshof“.

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